Noch heute misst man der Astrologie in Asien große Bedeutung zu und wendet sie, anders als im Abendland, in sämtlichen Bereichen des täglichen Lebens an. Seit Tausenden von Jahren hat die Astrologie in China ihren Sinngehalt, der in wesentlichen Zügen mit der Philosophie des Taoismus korrespondiert, nicht verändert.

Auch die Berechnungsmethoden sind immer die gleichen geblieben. Währende man in Europa die Sterndeutung ständig modifizierte, basiert die chinesische Weissagung noch heute auf den alten Überlieferungen, die von der Erfahrung bestätigt wurden.

Der Mensch steht zwischen Himmel und Erde und hat die Aufgabe, diese beiden Weilten miteinander in Einklang zu bringen. Die Erfüllung irdischer Angelegenheiten ist dabei nur ein Teil des Auftrags, den er zu bewältigen hat. Um diese Harmonie, den Gleichklang von Himmel und Erde, zu erreichen, ziehen die Chinesen das Horoskop zu Rate, das gegenwärtige und zukünftige Tendenzen aus der Beobachtung des Kräftespiels vergangener Phasen zu erklären weiß. Alles ist im Übergang und Wandel begriffen. Das Heute birgt das Morgen, ebenso wie das Gestern das Heute enthielt.

Eine wesentliche Rolle für die Berechnung eines persönlichen Horoskops spielt in der chinesischen Astrologie das Geburtsdatum der Eltern. Unser Ursprung, die Familie, der wir entstammen, ist ja ein wichtiger Bestandteil unserer Entwicklung, den wir nicht unberücksichtigt lassen dürfen. Unverändert hat sich diese Denkweise erhalten und bezeugt heute noch den Stellenwert, den man in China der Sippe beimisst. Auch zum Tod hat man ein anderes Verhältnis als in Europa. Wenn jemand stirbt, ist lediglich der Körper mit seinen Funktionen zum Stillstand gekommen, der Geist aber lebt weiter. Asiaten sprechen von ihren Toten meist nicht in der Vergangenheitsform, sondern so, als lebten sie noch. Denn für uns sind sie lediglich in eine andere Seinsphase eingetreten, in der wir sie nicht mehr sehen, hören und berühren können. Wie alles im Leben sieht man in Asien auch das Sterben als Wandlungsprozeß, als Phase in einem sich ewig wiederholenden Kreislauf.

Um aber dem Toten diesen Weg in ein anderes Reich, diesen Übergang in eine andere Form zu erleichtern, wird astrologisch berechnet, welcher Tag am günstigsten für die Bestattung ist. Auch Lage und Form des Sarges spielen dabei eine wichtige Rolle. So kommt beispielsweise der Himmelsrichtung, in die der Kopf des Toten weist, eine große Bedeutung zu. Mit der Berücksichtigung all dieser wichtigen Einzelheiten erweisen die Chinesen ihren Toten die letzte Ehre.

Die Bauern nutzen die Astrologie früher als ständigen Ratgeber. Das Horoskop bestimmte dabei nicht nur die günstigen Zeitpunkte für Saat und Ernte, sondern warnte auch vor möglichen Überschwemmungen oder Dürrezeiten. In den riesigen Anbaugebieten Chinas waren solche Auskünfte von fundamentaler Bedeutung. Beispielweise konnten die Bauern sicher sein. Dass im Rattenjahr materieller Aufschwung zu erwarten war und während dieser Zeit ihre Kornkammern vorsorglich füllen. Und auch darüber, dass das Jahr im Zeichen des Tigers extreme Klimaveränderungen bringen würde, waren sie von vornherein informiert.

Doch zog man das Orakel nicht nur in Fragen der Landwirtschaft zu Rate. Auch in persönlichen Angelegenheiten errechnete der Astrologe die zukünftigen Tendenzen und erteilte den Bauern Auskunft darüber, ob das Datum einer Hochzeit günstig war und ob man reiche Nachkommenschaft erwarten könnte. Und sogar beim Häuserbau wurde das Horoskop befragt, in welche Himmelsrichtung sich die Tür öffnen sollte oder ob der Standort Glück und Segen versprach.

Wann man in China begann, die Wege des Schicksals zu berechnen, liegt im dunkeln. Doch nimmt man an, dass schon um das Jahr 2000 vor Christus die ersten Niederschriften existierten, die detaillierte Angaben über bestimmte Kräftekonstellationen enthielten. Leider ist aus dieser frühen Phase nur sehr wenig historisches Material erhalten.

Wahrscheinlich wurde während der Schang-Dynastie der Kalender auf den Zyklus des Mondes abgestimmt. Der Einfluß des Mondes, des nächsten Nachbarn der Erde im All, ist der Menschheit seit dem Heraufdämmern der Zivilisation bekannt. E r bestimmt nicht nur die Gezeiten, den ewigen Wechsel von Ebbe und Flut, sondern wirkt auf alle Körper ein, nicht zuletzt auf den menschlichen Organismus. Jahrhundertelange Beobachtungen haben die Bedeutung des Mondes bestätigt und ließen ihn so zum wichtigsten Faktor innerhalb des chinesischen Kalenders werden.

Spätere Kommentatoren haben diese frühen Beobachtungen angesichts einer sich ständigen weiterentwickelnden Ackerbaugesellschaft auf den neuesten Stand gebracht, ergänzt und umgeformt. Doch sind die einzelnen Veränderungen heute nicht mehr nachzuvollziehen, da wesentliche Schriften einer radikalen politischen Maßnahme zum Opfer fielen: Nachdem im Jahr 221 v. Chr. Der König von Tsin die Enheit Chinas erzwungen und aus einander bekämpfenden Staaten einen Zentralstaat geschaffen hatte, wurde die gesamte Literatur verbrannt, da der Kaiser einen schädigenden Einfluß auf seine Machtposition befürchtete. Dadurch wurde ein Großteil der chinesischen Philosophie und der Weissagungen vernichtet.

So bleibt nur die alte buddhistische Legende zu erzählen, die uns erklärt, wie man auf die zwölf Tierkreiszeichen verfiel: Als China eine neue Ordnung brauchte und das Neujahrsfest herannahte, beschloß Buddha, alle Tiere der Schöpfung zu einer großen Feier einzuladen. Er versprach ihnen kostbare Geschenke, wenn sie dem Fest beiwohnten, doch nur zwölf Tiere erschienen: Ratte, Büffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein.

Da beschloß Buddha, jedem dieser Tiere ein Jahr zu widmen. Mit einem feierlichen Eid ließ er sie schwören, dass sie während dieser Zeit Tag und Nacht reisen und die Menschheit zum Guten bekehren wollten. Während das auserwählte Tier unterwegs war, sollten alle andern in der Stille wirken und warten, bis die Reihe an ihnen war.

Und so geschah es dann. Weil die Ratte als erste auf dem Neujahrsfest erschienen war, durfte sie als Jünger Buddhas den Anfang machen.

Wenn sie ihr Jahr vollendet hat, wird sie der Reihe nach von den andern elf Zeichen abgelöst, bis der Zyklus sich wieder geschlossen hat. Alle Menschen aber, die im Jahr eines jeweiligen Tiers geboren sind, sollten dessen charakterliche Merkmale und Anlagen besitzen.

Soweit die Legende, die den zwölf Stunden des Tages, den zwölf Stunden der Nacht und den zwölf Monaten des Jahres jeweils ein Tier zuordnet. Wie im Abendland sind diese Tiere archetypische Träger menschlicher Verhaltensmuster und geben Hinweise auf Grundstrukturen, die uns innewohnen.

Im folgenden werden nun noch einige Grundprinzipien der chinesischen Astrologie erläutert, die bei der Berechnung des Horoskops eine wesentliche Rolle spielen. Es handelt sich hier um das allem zugrunde liegende Prinzip des Yin und Yang und innerhalb dessen um die fünf Phasen der Wandlung. Auch auf die Bedeutung des Aszendenten soll in kurzen Worten eingegangen werden, um dem Leser einen Einstieg in die Struktur des chinesischen Denkens zu ermöglichen.