In China bedeutet alles Geschehen energetisches Geschehen; das heißt, jede Erscheinung, sei sie nun sichtbar oder unsichtbar, ist einem ständigen Prozeß des Wandels unterworfen. Anders als im europäischen Denken begreift man die Dinge nicht, indem man Einzelaspekte herausstellt, sondern sieht alles in Zusammenhängen und in Relation zueinander.

Mit den Begriffen des Yin und des Yang und der fünf Wandlungsphasen schuf man ein System, das die Beziehungen aller Erscheinungen möglichst leicht fassbar machen wollte.

Im Fernen Osten werden alle Phänomene, auch die alltäglichsten, nach dem Yin-Yang-Prinzip eingeordnet. Das Yang bezeichnet dabei das Männliche, das Yin das Weibliche. Sie gehören immer zusammen und bilden zwei Teile einer Einheit. Nichts existiert, ohne diese zwei Seiten zu enthalten, wobei sich dem menschlichen Fassungsvermögen das Sichtbare nur durch das Unsichtbare offenbart. Mit anderen Worten ausgedrückt: Wir können das Helle (das Männliche, das Yang) nur deshalb sehen, weil es sich vom Dunkeln ( dem Weiblichen, dem Yin) abhebt. Das Yang wird dabei als aktives, veränderndes, das Yin als passives, bestehendes Prinzip bezeichnet.

Die einfachste Erklärung für das Yin-Yang-Prinzip finden wir im Prozeß der Zeugung. Das Männliche befruchtet das Weibliche, und daraus entsteht ein Drittes, ein Kind. So wird im chinesischen Denken jedes Ereignis als ein Zusammenwirken von aktiver und bestehender (passiver) Energie verstanden.

Es geht um die Kräftekonstellation, die den Lauf der Ereignisse bestimmt. An einem sehr vereinfachten Beispiel mag dies so erläutert werden: Kälte gilt als Yin, Hitze als Yang. Wenn also jemand eine Erkältung hat, so kann man sagen, dass das Yin in ihm übermächtig wurde. Man muß jetzt etwas unternehmen, um das Yin zu bezwingen, damit Yang und Yin wieder im Gleichgewicht stehen. Dazu gibt es ein uraltes Rezept: Man erhitzt 100g frischen, zerdrückten Ingwer ( Yang) in 1/3 L. Wasser (Yin) und gibt ca. zwei Teelöffel braunen Zucker hinzu. Das Wasser lässt man zehn Minuten lang kochen, wodurch es Yang wird. Anschließend trinkt man diesen Ingwersud und legt sich zu Bett, um ausgiebig zu schwitzen. Damit wird dem Körper ein mächtiges Yang zugeführt.

So fasst man im Fernen Osten jedes Phänomen als Wechselspiel zweier gegensätzlicher, aber einander ergänzender energetischer Aspekte auf. Mit diesem System versucht man, Haromnie und Ordnung herzustellen, mag es sich nun auf den eigenen Körper und seine Ernährung oder auf soziale Gegebenheiten beziehen.

Vor allem auch in der chinesischen Medizin findet dieses Prinzip praktische Anwendung. Denn der Körper wird als Ergebnis einer ständigen Aufeinanderfolge verschiedener Wechselwirkungen begriffen. Ist jemand krank, so ist er aus dem Gleichgewicht gekommen, und die chinesische Medizin versucht, die ursprüngliche Harmonie wiederherzustellen. Die Medizin westlicher Prägung dagegen behandelt das einzelne Symptom, das erkrankte Organ, das man völlig isoliert betrachtet und nicht als Ergebnis einer Kette von disharmonischen Kräfteverteilungen versteht.